E-Mobilität und Energienetze – zwei Themen und Perspektiven, die zusammengehören. Genau das war das Thema der Konferenz, welches den ersten Tag bestimmte.
Die Elektromobilität entwickelt sich vom reinen Verkehrsthema zu einem zentralen Baustein der Energiewende. Auf der CharIN Conference diskutierten hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Energiewirtschaft, Industrie, Forschung und Ladeinfrastruktur über die nächste Entwicklungsstufe der E-Mobilität: vernetzte Energiesysteme, flexible Strommärkte und die intelligente Integration von Elektrofahrzeugen in das Stromnetz. Dabei wurde deutlich: Die technologischen Grundlagen sind weitgehend vorhanden. Um die Potenziale von Elektromobilität, erneuerbaren Energien und Speichern künftig voll auszuschöpfen, sind vor allem bessere regulatorische Rahmenbedingungen und neue Marktmechanismen gefragt.
Schnell deregulieren!
Schon in seiner Auftaktrede zur Begrüßung der etwa 160 Teilnehmer betonte Ulrich Leidecker, der Sprecher der Geschäftsführung und Chief Operating Officer von Phoenix Contact, was sich dann wie ein roter Faden durch den Tag zog: Überregulierung und fehlender politischer Gestaltungswille sei ein europäisches Problem, welches sich zu einem echten Standortnachteil auswächst. „Wir sind leider viel uu langsam, wir müssen dringend Geschwindigkeit aufnehmen in Europa.“ Er betonte die Notwendigkeit, ambitionierte Zukunftsbilder in skalierbare Lösungen zu überführen. Daran knüpfte Claas Bracklo, der Vorsitzende der CharIN e.v., an und warf einen globalen Blick auf die Entwicklung des Ladeökosystems. Das nächste zentrale Thema, so der Chairman der CharIN, sei das bidirektionale Laden, welches an Gewicht gewinne.
Die Megawatt-Wand
Ein wiederkehrendes Thema des Tages war die Frage, wie sich Elektromobilität künftig stärker mit dem Energiesystem verzahnen lässt. Statt einzelne Ladeparks isoliert zu betrachten, rückten viele Referenten ganze Energieökosysteme in den Fokus. So war sich Wulf Schlachter, CEO der DXbe Management und Experte in Sachen Lkw-Ladesystemen, sicher: „Wir befinden uns erst am Anfang der E-Mobility-Entwicklung, haben mit der Etablierung der HPC-Ladetechnik im Pkw-Bereich gerade die erste Generation erlebt. Jetzt wird die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs und die Etablierung des Megawatt-Ladens die nächste Stufe der Entwicklung sein.“ Der Experte prognostizierte bis 2030 erwartbare Ladedauern bei Pkw von 10 bis 15 Minuten und im Lkw-Bereich von 30 bis 45 Minuten. Voraussetzung sei allerdings eine Ladeleistung von konstanten 1000 bis 1500 kW. Während er im Pkw eine flächendeckende 800-V-Technologie erwartet, prognostiziert er im Lkw eine dynamische 1250-V-Architektur. Um die dafür nötige Energie zuverlässig bereitstellen zu können, brauche es aktive, flexible und resiliente Netze. Zudem bräuchten die Lkw-Depots eigene große Batteriesysteme, die ebenfalls wieder zur Netzstabilität herangezogen werden können.
Der rollende Netzstabilisator
Doch wie umgehen mit der Situation des zu langsamen Netzausbaus? Federico Artés von Iberdrola | bp pulse berichtete von immer häufiger auftretenden negativen Strompreisen auf der Iberischen Halbinsel. Der notwendige Netzausbau benötige jedoch Zeit. Kurzfristig könne zusätzliche flexible Nachfrage helfen, überschüssige erneuerbare Energie besser zu nutzen. Elektrofahrzeuge würden dadurch zunehmend vom Verbraucher zur aktiven Energieressource werden. „EVs become assets“ lautete die zentrale Botschaft. Sichtbar sei dabei das Fahrzeug, die eigentliche Innovation finde jedoch im Hintergrund des notwendigerweise intelligenten Energiesystems statt.

Dass Flexibilität künftig zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor wird, zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen. In der Paneldebatte zur Integration von erneuerbaren Energien, Speichern und Ladeinfrastruktur forderte Gerrit Pürstl von Siemens schnellere Genehmigungsprozesse und mehr Klarheit bei Förderprogrammen. Auch Batteriespeicher wurden als Schlüsseltechnologie bezeichnet. David Oudsandji von Voltfang verwies darauf, dass die technischen Lösungen bereits verfügbar seien. Zusätzliche Speicherkapazitäten könnten helfen, Netze zu entlasten und Energiekosten zu senken. Die Bereitschaft zu investieren sei vorhanden, häufig bremsten regulatorische Vorgaben jedoch die Umsetzung aus.
Die Dynamik des Wandels
Entsprechend kritisch fiel die Analyse von Energieexperte Dr. Tim Meyer in seinem Vortrag aus. Europa verfüge nicht über ein Technologieproblem, sondern über ein Regulierungsproblem und teilweise fehlgeleitete Anreizsysteme. Nicht Klimaschutz sei ein überzeugendes Argument der Energiewende, sondern die elektrotechnische Revolution. Und die verlaufe, wie er aufzeigte, gerade exponentiell. Allerdings nicht unbedingt im europäischen Heimatmarkt, wie er kopfschüttelnd hinzufügte. Gleichzeitig zeigte er sich überzeugt, dass geeignete Marktmodelle und flexiblere Preiszonen innerhalb eines europäischen Energiemarktes die bestehenden Hürden überwinden könnten. „Einfach mal machen“.
Nicht nur Brummis
Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz lag auf dem Hochlauf elektrischer Nutzfahrzeuge. Vertreter der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur, von Milence, Shell Business Recharge Solutions und LichtBlick eMobility diskutierten die Voraussetzungen für den Aufbau einer leistungsfähigen Megawatt-Ladeinfrastruktur. Dabei wurde deutlich, dass die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs weit über einzelne Pilotprojekte hinausgehen muss. Gefragt seien integrierte Energie- und Ladelösungen, die Netze, Speicher, Ladepunkte und erneuerbare Erzeugungsanlagen gemeinsam betrachten.
Am Nachmittag rückten Vehicle-to-Grid-Konzepte und die Digitalisierung des Energiesystems in den Fokus. Die Referenten zeigten auf, wie sich Elektrofahrzeuge künftig als flexible Speicher in intelligente Energie- und Strommärkte integrieren lassen. Voraussetzung dafür sind interoperable Systeme, digitale Plattformen und offene Standards. Mehrere Vorträge machten deutlich, dass die Zukunft nicht in isolierten Einzellösungen liegt, sondern in vernetzten, softwaredefinierten Energiesystemen.
Den Abschluss der Konferenz bildete ein Blick auf die langfristige Entwicklung der Energie- und Mobilitätsmärkte. Vertreter von E.ON, enerkii und enercity diskutierten, wie künstliche Intelligenz, neue Geschäftsmodelle und flexible Energiedienstleistungen die Energiewende beschleunigen können. Einigkeit bestand darüber, dass Elektromobilität weit mehr ist als eine neue Antriebstechnologie. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem wichtigen Hebel für die Integration erneuerbarer Energien und damit für den Aufbau eines resilienten, klimafreundlichen Energiesystems. Und Dr. Claudia Häpp, Senior Vice President EON, war sich sicher: „Elektromobilität ist eine Einstellungssache. Einmal elektrisch gefahren, nie wieder Diesel.“
Schlusswort von Stephan Volgmann, Chief Sales Officer (CSO) Phoenix Contact: „Das Netz ist das Problem Europas. Die Technologie und die Innovationskraft ist vorhanden. Technology is ready!“







