Der Normen-Diplomat

Überparteilich und trotzdem im Sinne des eigenen Arbeitgebers. Kompromisse suchend mit klarer Kante. Oft auch bis in den späten Abend. Notfalls mit Veto und Njet. Hört sich nach Politiker an? Ralf Hausmann bewegt sich seit mehr als drei Jahrzehnten auf einem Parkett, welches ähnlich international und genauso brisant sein kann.

Ralf Hausmann im Labor – hier erläutert er die Norm für den Produktprüfer

Wenn es bei Phoenix Contact um Normen geht, dann fällt häufig der Name Ralf Hausmann. Der Diplomingenieur, der bereits seit 1987 in Blomberg arbeitet („also fast schon mit Inventarnummer“), ist eine echte Institution in seinem Fachgebiet. Er leitet seit Jahrzehnten die Arbeitsgruppe „Überspannungsschutz für Telekommunikations- und signalverarbeitende Netzwerke“ auf internationaler, europäischer und deutscher Bühne. Sein Aufgabengebiet kennt er von der Pike auf: „Angefangen habe ich als Entwickler im Überspannungslabor“, erzählt Ralf Hausmann beim Besuch in den Laborräumen des Überspannungsschutzes. „Damals saßen wir allerdings noch in Gebäude 10, mit normalen Büros um uns herum. Und wenn wir dann einen Blitz erzeugt haben, dann war das auch mal richtig laut, das hat dann ordentlich geknallt.“

Preisgekrönte Überspannungsschutz-Familie Termitrab complete

Der lautstarke Umgang mit den Stoßstromgeneratoren wurde schnell so wichtig für die Produktentwicklung im Überspannungsschutz, dass Phoenix Contact sich zum Neubau eines eigenen Gebäudes entschloss. Sehr zur Freude der Entwickler wie Ralf Hausmann, und sicher auch zur Erleichterung der Mitarbeiter in den Büros drumherum.

Das Maß der Dinge

„In den Bereich Normung bin ich schon im vierten Jahr meiner Tätigkeit reingerutscht“, schildert Hausmann seine ersten Gehversuche auf dem anspruchsvollen Parkett. Anfangs umfasste sein Aufgabengebiet die europäische Normung, doch schnell kamen sowohl die deutsche als auch die übergeordnete internationale Normung IEC hinzu. „Wenn man wirklich etwas bewegen möchte, also das Knowhow in die Normung mit einbringen möchte, dann muss man bei der International Electrotechnical Commission, dabei sein. Alle anderen Normen werden davon abgeleitet.“

Auf die Frage, ob es besondere Eigenschaften verlangt, um das Themengebiet Normung erfolgreich bearbeiten zu können, betont Ralf Hausmann vor allem den Punkt Geduld: „Die Arbeit an einer Norm ist selten in ein oder zwei Jahren fertig. Das kann schon mal fünf Jahre oder sogar länger dauern, bis so eine Norm fertig geschrieben ist. Es sitzen ja Vertreter von Firmen weltweit mit am Tisch, mit verschiedenen Hintergründen, verschiedenen Interessen und einem bunten Mix an Kulturen. Da treffen dann zum Beispiel Amerikaner auf Japaner. Größere Unterschiede kann man sich in Verhandlungen kaum vorstellen (schmunzelt).“ Der Blomberger ist dabei zum Weltenbummler geworden. USA, Japan, China, Costa Rica, Australien („da hat die Anreise schon mehr als 30 Stunden gedauert“) und viele europäische Länder waren Treffpunkte, an denen sich die internationale Gemeinschaft getroffen hat.

Erbsenzähler unerwünscht

Was man in diesen Runden gar nicht gebrauchen kann, sind übergenaue Erbsenzähler. „Man muss auch mal fünfe gerade sein lassen, denn ohne Kompromisse wird eine Norm sonst nie fertig. Im Zweifel muss eine Norm, die ja meist etwas ganz Neues beschreibt, im Folgejahr noch angepasst und überarbeitet werden.“ Ralf Hausmann nimmt sich da nicht aus, auch er hat eine Lernkurve hinter sich. „Aber seit ich den Vorsitz in der IEC in der Arbeitsgruppe Überspannungsschutz für Telekommunikations- und signalverarbeitende Netzwerke innehabe, bin ich deutlich entspannter in den Diskussionen.“ Seit gut 25 Jahren nimmt der Ingenieur diese Verantwortlichkeit wahr. Ein Pfund, welches Hausmann auch einsetzt: „Alter und Erfahrung zählen in diesen Runden. Das verschafft eine gesunde Portion Autorität, wenn es mal hitziger wird.“

Dabei hat sich auch die Arbeit in den Normungsgremien verändert: „Der Ton ist heutzutage rauer geworden, und es wird zunehmend politischer. Das betrifft nicht nur die einzelnen Unternehmen, sondern oft auch nationenweite Interessen. Das wird manchmal schon ziemlich heftig, da geht es auch aufgeheizt zur Sache. Aber meistens findet man eine Lösung, oft auch beim abendlichen Bierchen in geselliger Runde. Dieses Kompromisse Suchen gehört im Bereich der Normung einfach dazu.“

Spagat zwischen den Stühlen

Druck von Seiten seines Arbeitgebers gab es in den Jahren nie, versichert Ralf Hausmann. „Ich bin ganz eng am Produkt, aber kein Produktentwickler. Und ich gehe natürlich mit den deutschen Mitbewerbern in internationale Verhandlungen. Die Mitarbeit ist auch deswegen so wichtig, weil ich ja schon in der Vorentwicklung einer Norm – also sehr früh – sehe, was auf die Branche zukommt. Und diese Information bringe ich natürlich auch nach Hause, also zu Phoenix Contact, mit.“

Prüfingenieur Boy Petersen-Zarling muss ran, wenn die Norm neue Anforderungen stellt

Zwar ist Ralf Hausmann ein überzeugter Phoenixianer. Doch seine Rolle als Vorsitzender verlangt Überparteilichkeit. Bei diesem Spagat winkt da nicht immer nur Beifall im eigenen Haus: „Eine Norm soll den Stand der Technik abbilden. Wenn die Norm höhere Anforderungen an die Sicherheit von Produkten stellt, dann kann es sein, dass ein Produkt modernisiert werden muss. Das verursacht Aufwand und Kosten.“

Beispielhaft erklärt Hausmann dies an der aktuellen Norm: „Für mich gilt es, die Normung und die daraus abgeleiteten Veränderungen in Prüfverfahren und Produkten möglichst sinnvoll und praktikabel zu machen, natürlich auch im Sinne meines Arbeitgebers und für alle anderen Marktbegleiter. Ein Beispiel ist die neue Norm für die Produktfamilie Überspannungsschutz in den Telekommunikations- und signalverarbeitenden Netzwerken. Daneben gibt es eine neue Basisnorm für den Überspannungsschutz von Stromversorgungen, die maßgeblich von einem Gremium für Stromversorgungs-Schutzgeräten erstellt worden ist. Die musste nun auch berücksichtig werden. Aber die Kollegen aus der Stromversorgung messen teilweise anders, haben andere Anforderungen an Produkt und Sicherheit. Das hat mich etliche graue, na wohl eher weiße Haare gekostet (schmunzelt). Letztlich konnte ich in zähen Verhandlungen durchsetzen, dass wir eine Leistungsschwelle in unserer Norm eingeführt haben. Alles, was unterhalb der Grenze von 100 Watt liegt, etwa unsere Messsteuerregelkreise mit kleinen 5 bis 24 Volt und wo nur Milliampere fließen, ist nicht sicherheitsrelevant. Daher müssen einige Prüfungen aus der Basisnorm nicht angewendet werden. Und die Produkte können so bleiben, wie sie heute hergestellt werden.“

Akzeptanz durch Pragmatismus

Durch diesen pragmatischen Ansatz, der natürlich heftig diskutiert wurde, wird die Norm sinnvoll. Für die Hersteller ist es wichtig, dass es jetzt eine Grundlage für Basisprüfungen gibt. Nur alle abweichenden Prüfungen für die jeweiligen Spezialgebiete kommen in die Teilnormen. Ralf Hausmann: „Das betrifft rund fünf Prozent unserer Phoenix Contact-Produkte, die unter die Norm IEC 61643-21 fallen. Das hält den Aufwand für uns und alle anderen Firmen erträglich und sorgt trotzdem für einen Gewinn an Sicherheit.“

Überspannungsschutz auf engstem Raum: Termitrab complete misst nur 6 mm Breite

Man merkt: Langweilig wird es beim Thema Norm nicht. „Die aktuelle Norm ist nahezu fertig. Aber in spätestens vier Jahren geht es wieder los, und die Erfahrungen der jetzt kommenden Jahre wollen berücksichtigt werden.“ Dann wartet neue Arbeit auf die Diplomaten in Sachen Normung. Und die eine oder andere längere Verhandlungsrunde …

Überspannungsschutz für Informationstechnik und Telekommunikation



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