Sofa, Socken, Safety-Talk

Wenn es um Normen und Standards geht, setzt bei vielen Menschen ein intellektueller Fluchtreflex ein. Staubtrockene Materie, langwieriges Lavieren durch Buchstabenwüsten, Abkürzungs- und Detailwirrwarr für Nerds. Es geht aber auch ganz anders. Wie, das haben die Kollegen vom Phoenix Contact Competence Center Services jüngst auf dem Gelben Sofa demonstriert.

Die kommende neue Maschinenprodukteverordnung der Europäischen Union – wer zu solch einem zunächst sperrigen Thema einlädt, findet sich doch bestimmt im kleinen Kreis wieder. Von wegen! Mehr als 600 Teilnehmer hatten sich zum ersten Safety Talk Mitte November angemeldet. Und rund 500 Interessierte waren permanent digital und live vor Ort, als der farblich passend beinbekleidete Moderator Frank Knafla (Head of Business Development Building Technologies Phoenix Contact) seine sechs Studiogäste zum Gespräch auf das Gelbe Sofa im Media Hub der Messe Hannover bat.

Was bleibt, was ist neu und was wird werden?

Denn das Thema der Auftaktveranstaltung zur Themenreihe Safety and Security brennt der Branche der Maschinenbauer offensichtlich schon jetzt unter den Nägeln. Und das, obwohl die Verordnung bisher in ihren ersten Entwürfen vorliegt und erst 2024 tatsächlich konkret zur Umsetzung kommen wird. Doch Maschinenbauer können ihre Produktion nicht innerhalb weniger Monate neu strukturieren, sondern sind auf langfristige Planung angewiesen.

Frank Knafla, Dina Reit, Jens Wiesner (v.li.)

Als Vertreterin ihrer Branche war Dina Reit online zugeschaltet. Die 29jährige bezeichnet sich selbst als Nachfolgerin, die Nachwuchsunternehmerin wird perspektivisch den familiengeführten Maschinenbauer SK Laser übernehmen. Sie befürchtet zunächst Reibungsverluste und Unsicherheiten für das eigene Unternehmen und die gesamte Branche durch Grauzonen, die innerhalb der Formulierungen der neuen Verordnung Raum für Interpretationen lassen.

Alois Hüning

Als Leiter des Kompetenzzentrums Maschinen/Fertigungssysteme der Berufsgenossenschaft Holz und Metall kennt Alois Hüning die geltende Maschinenrichtlinie und ihre europäische Neufassung im Detail.  Er schilderte, warum es überhaupt zur neuen EU-Richtlinie kam: „Im Rahmen einer turnusmäßigen Überprüfung kam man 2018 zur Erkenntnis, dass die jetzige dritte Version der Maschinenrichtlinie eine Neufassung nötig hätte, um sie zukunftsfähig zu machen.“ Doch der Diplom-Ingenieur beruhigte: „Wirklich neu ist gar nicht besonders viel. Verändert und ergänzt wurde vor allem der neue Bereich der KI, der Künstlichen Intelligenz, und der Security und Sicherheitssoftware.“  Wobei er auch erklärt: „Durch die Aufnahme der Themengebiete KI und Software fallen viele Maschinen schneller in diese Verordnung als früher. Das müssen mittelständische Maschinenbauer beachten.“

Bits und Bytes zu Bohrer und Fräse

Philipp Reusch

Ist Software ein Bestandteil einer Maschine? Wie sieht es eigentlich mit der damit verbundenen Produkthaftung aus? Wenn jemand sich hier auskennt, dann Philipp Reusch, denn der Rechtsanwalt ist ein ausgewiesener Experte im Bereich Produkthaftung und Produktsicherheit. „Jetzt ist beim Betreiber ist der Schwarze Peter der Cybersicherheit gelandet. Damit hat sich die Haftung verlagert, weg von den Herstellern. Wer sich nicht zum Beispiel an definierte Patches hält, ist dann verantwortlich.“

Immer stärker rückt der große Themenbereich der sicherheitsrelevanten Software und Security in den Fokus.  „Wenn man es nicht cybersecure kriegt, kriegt man es auch nicht safe“ war das klare Statement von Jens Wiesner, der das „Referat Cyber-Sicherheit für industrielle Steuerungs- und Automatisierungssysteme im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik“ leitet. Ständig neue Attacken aus der finsteren Welt der Datenpiraten machen sensibel, wenn es um die Verknüpfung der rein physischen Welt von Maschinen und ihrer immer weitergehenden Vernetzung, Automatisierung und Steuerung geht.

Wenn man es nicht cybersecure kriegt, kriegt man es auch nicht safe.

Jens Wiesner
Carsten Gregorius

Carsten Gregorius, Produktmanager Safety Phoenix Contact Electronics, ruft die Herausforderungen für alle Maschinenbauer und auch das eigene Unternehmen deutlich auf den Plan: “Das Thema Cybersecurity ist in der neuen Norm sehr präsent und der größte Brocken, den die Maschinenbauer und wir als Hersteller von Sicherheitsbauteilen schlucken müssen. Dabei kann eine maximale Sicherheit nicht immer der beste Security-Level ist, da die Bedienbarkeit nicht eingeschränkt sein darf.“

Einen Blick in die nähere Zukunft wagt Torsten Gast, Leiter Competence Center Services, Phoenix Contact Deutschland GmbH: “Cybersecurity ist prozessual, da geht es um viel mehr als nur um einige überwachte Zugänge oder Bauteile. Bisher sind nur wenige Maschinenbauer hier unterwegs, auch wenn sie wissen, dass das ein immer zentraleres Thema für die Zukunft ist.“

Torsten Gast

Kein Wunder, dass der Talk auf dem Gelben Sofa nicht nur eine einzelne Veranstaltung war, sondern der Auftakt einer ganzen Reihe, in der die Themen vertiefend behandelt werden. Torsten Gast als Ideengeber und Initiator des Safety-Talks erklärt, dass es im Frühjahr 2022 weiterführende Workshops zu dem Themen geben wird, um gemeinsam mit den Maschinenherstellern tiefer gehende Diskussionen führen möchte.

Das Interesse ist immens: Angemeldet haben sich zu den Workshops bereits über 90 Teilnehmer.
Und auf safety.talk.de kann man sich die Aufzeichnung anschauen und sich zu den kostenfreien Workshops anmelden.

Phoenix Contact Safety and Security Blog

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