Das lauteste Geräusch ist das Knirschen des Schnees unter den mächtigen Reifen, als an einem eisigen Februar Morgen ein dunkler Riese auf das Firmengelände rollt. Der nagelneue Mercedes eActros 600 ist angetreten, um die Leistungselektronik und Kommunikationsfähigkeit der hauseigenen Ladesäulen auf dem Firmengelände von Phoenix Contact in Paderborn zu testen.
Vier Meter Radstand. 11,7 Tonnen Leergewicht. 544 PS Dauerleistung, 816 PS maximale Power. 1000 kW Ladeleistung im Megawatt Charging Modus MCS. Und drei Batteriepacks mit je 207 kWh Kapazität – der eActros 600 ist ein echtes Schwergewicht. Mit reichlich Leistungshunger. Genau der richtige Herausforderer für die Experten von Phoenix Contact Power Supplies in Paderborn. Denn hier soll getestet werden, ob der Lkw auch ohne Probleme mit der Leistungselektronik der hauseigenen Ladesäule kommunizieren kann.
Um Tests dieser Art durchzuführen, greift das Team rund um Guido Remmert, der als Director für High Power Systems das Labor leitet, nicht nur auf einen Mittelspannungsanschluss zu, der die nötige Energie vor Ort bereitstellt. In den Laborräumen im Erdgeschoss können die Ingenieure auch direkt auf die beiden Ladesäulen blicken. Nur eine Tür und wenige Meter trennen die Spezialisten von Fahrzeug und Ladepunkt, so dass Änderungen auch sofort am Fahrzeug kontrolliert werden können.
Der heutige Kandidat, der eActros, ist erst Ende 2024 der Öffentlichkeit vorgestellt worden und rollt seit 2025 auf europäischen Straßen. Der schwergewichtige Sternenträger aus dem Schwabenland ist (noch) im Besitz der Rosier Nutzfahrzeugniederlassung Paderborn. Doch Thomas Müther, Teamleiter Verkauf Lkw vom Rosier Nutzfahrzeugzentrum und Überbringer des rund 300.000 Euro teuren Trucks, ist sich sicher: „Der rechnet sich so schnell und ist so überzeugend, dass hier mit Sicherheit die Zukunft des Lastverkehrs vorgefahren ist. Das wissen auch die Speditionen. Denn bei denen zählt der spitze Bleistift, die Wirtschaftlichkeit, nicht Ideologie oder Dieselromantik.“

Dem leistungsstarken Lkw sind die Temperaturen ziemlich egal, seine 500 Kilometer Reichweite schafft er auch in der heute eisigen Umgebung. „Wir hatten auch schon Fahrer, die bis zu 700 Kilometer mit einer Ladung gefahren sind“, berichtet Müther aus der Praxis. Doch dafür muss das 800-V-Netz des Lkw mit der Leistungselektronik der Ladesäule kommunizieren. „Eigentlich ist ja alles mittlerweile genormt,“ weiß Sebastian Schriek, der als Produkt Manager von Phoenix Contact Power Supplies Teil des heutigen Testteams ist. „Aber schon kleine und sich in der Norm befindliche Abweichungen in der Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ladesäule können dafür sorgen, dass der Ladevorgang abgebrochen wird. Wenn etwa die Norm beschreibt, dass sich ein Fahrzeug an der Ladesäule anmeldet und innerhalb von 10 Millisekunden eine Antwort erhalten muss, das Fahrzeug aber so programmiert ist, dass diese Antwort nach 7 Millisekunden erfolgen muss, dann bricht der Ladevorgang sofort ab. Das soll der Sicherheit des Anwenders dienen, ist auch innerhalb der Norm, allerdings schneller als verlangt. Das muss von uns festgestellt und in die Ladesteuerung einprogrammiert werden, damit es in der Praxis nicht zu Problemen kommt.“ Für jedes Fahrzeugmodell? „Im Prinzip nein, in der Praxis aber doch. Wir können unsere Kunden, also die Ladesäulenhersteller, nicht mit diesen Problemen alleine lassen.“
Der Blick nach draußen aber zeigt an: Der eActros verträgt sich glänzend mit der Ladesäule und saugt seine dicken Akkus ohne Probleme voll. „Das Laden selber ist auch beim Nutzfahrzeug kein Problem“, seufzt Guido Remmert. Der Ingenieur weiß, woran es (noch) hapert: „Unsere Infrastruktur in Deutschland und Europa ist noch nicht so ausgebaut, dass jeder Fuhrpark, jede Spedition einen Zugang zum Mittelspannungsnetz bekommen kann. Die aber braucht es, um Lkw wirklich schnell laden zu können.“ Gedankenverloren streicht er über einen ganzen Turm mit speziellen Charx-Leistungsmodulen und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Na ja, bis jetzt. Wir haben mit dem eActros auch gleich eine brandneue Entwicklung im konkreten Einsatz getestet, die wir die Boost Charge Technology nennen. Mit speziellen Batterien im Bauch der Ladesäule können wir die vergleichsweise geringe Energie aus dem normalen Niederspannungsnetz so konzentrieren, dass wir auch einen Großverbraucher wie einen eLKW in sehr kurzer Zeit laden.“




